(ots) - Im neuen Leistungsvergleich schneidet
Deutschland besser ab - Baustellen gibt es aber nach wie vor.
Seit dem "PISA-Schock" vior mehr als zwölf Jahren war die
Veröffentlichung der neuesten Studienergebnisse ein Ereignis, dem
deutsche Bildungspolitiker mit Bangen entgegenblickten. Gestern
machte sich stattdessen Erleichterung breit: Bei "PISA 2012"
erreichten deutsche Schüler erstmals in allen getesteten Bereichen -
Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen - Ergebnisse, die über dem
Durchschnitt lagen. Das ist zweifellos erfreulich. Es sollte aber
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Probleme im deutschen
Bildungssystem noch lange nicht gelöst sind. Eines der
aufrüttelndsten Ergebnisse des ersten Leistungsvergleichs im Jahr
2000 war, dass die Bildungschancen in Deutschland besonders stark von
der sozialen Herkunft abhängen. Hier hat sich den neuesten Zahlen
zufolge zwar etwas getan - so erreichten Jugendliche aus Arbeiter-
oder Zuwandererfamilien im Vergleich zu 2000 bessere Ergebnisse und
besuchten zudem häufiger das Gymnasium. Von Bildungsgerechtigkeit
kann jedoch noch längst keine Rede sein: In Mathematik, dem
Schwerpunkt der aktuellen Studie, haben Schüler aus sozial
bessergestellten Familien einen Leistungsvorsprung von über 40
Punkten gegenüber Jugendlichen aus Arbeiter- oder Zuwandererfamilien.
Die Bildungsreformen, die nach dem "PISA-Schock" angeschoben wurden,
sind noch im Gange. Die Diskussion um das achtjährige Gymnasium hält
an - mittlerweile ermöglichen es einige Bundesländer, das Abitur
wieder nach neun Jahren abzulegen. In Bayern wollen die Freien Wähler
die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 per Volksbegehren erreichen. Und
erst gestern kündigte der Bayerische Philologenverband ein
eigenständiges Konzept für ein neues G9 an. Dabei hatten
Ministerpräsident Horst Seehofer und Kultusminister Ludwig Spaenle
weiteren Schulreformen erst kürzlich eine Absage erteilt. Es gibt
viele Konzepte, wie sich der Lernerfolg der Schüler verbessern ließe:
individuelle Fördermaßnahmen, der Ausbau von Ganztagsschulen,
kleinere Klassen. Worauf kommt es aber wirklich an? Der
neuseeländische Bildungsforscher John Hattie sagt: Vor allem auf den
Lehrer. Diese Erkenntnis klingt simpel, ist aber enorm wichtig. Denn
das Selbstverständnis vieler Lehrer hierzulande sieht anders aus:
Einer Allensbach-Umfrage von 2011 zufolge ist mit 48 Prozent fast die
Hälfte der Lehrer der Meinung, wenig bis keinen Einfluss auf die
Schüler zu haben. Dabei muss man nur an die eigene Schulzeit
zurückdenken: Jeder hatte wohl Lehrer, die den Stoff erfolgreicher
vermitteln konnten als ihre Kollegen. Dass man gute Lehrer braucht,
um gute Schüler zu haben, zeigt der Blick auf PISA-Primus Finnland.
Wer dort Lehrer werden möchte, muss in einer Aufnahmeprüfung seine
Eignung für den Beruf unter Beweis stellen. Darüber sollte man in
Deutschland auch nachdenken. An der Universität Passau können
angehende Lehramtsstudenten freiwillig an einer Art Assessment Center
teilnehmen und bekommen Feedback zu ihren Stärken und Schwächen - ein
Schritt in die richtige Richtung. Wichtig ist auch, den Studierenden
bereits in den ersten Semestern Praxiserfahrung zu ermöglichen. An
der Universität Regensburg gibt es etwa ein Lernlabor, in dem
Studierende des Fachs "Naturwissenschaft und Technik" mit
Schulklassen arbeiten. Guter Unterricht muss jedoch mehr sein als
eine Vorbereitung auf Schulleistungsvergleiche. Die Ergebnisse der
PISA-Spitzenreiter China, Korea und Japan sind mit Vorsicht zu
genießen. In diesen Ländern besuchen die Schüler nach dem Unterricht
oft private Paukanstalten, der Leistungsdruck ist immens. Es wäre
falsch, sich das dortige Bildungssystem für PISA 2015 zum Vorbild zu
nehmen.
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