(ots) - Wirtschaftsjurist übt vernichtende Kritik am
eCall-System
Professor sieht Technik als trojanisches Pferd
Osnabrück.- Der Wirtschaftsrechtler Volker Lüdemann wirft dem
europäischen Gesetzgeber vor, den gesetzlichen Notruf eCall zu
missbrauchen, um ein trojanisches Pferd in Neufahrzeuge zu schleusen.
"Das gesetzliche Nothilfesystem droht ein Dreh- und Angelpunkt für
automobile Datensammler zu werden", warnte Lüdemann in einem Gespräch
mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag) nach der Auswertung
des Verordnungsentwurfs, dem EU-Parlament und -Rat bereits zugestimmt
haben.
Vom nächsten Jahr an soll das System für Neufahrzeuge verbindlich
werden. Das Papier eröffne den Autoherstellern die Möglichkeit, neben
dem gesetzlichen eCall auch ihr eigenes Notruf-System sowie weitere
Zusatzdienste einzubauen. Da die vorgesehenen Datenschutzbestimmungen
aber nur für das gesetzliche System gelten würden, könnten letztere
permanent und unbeschränkt Daten über das Netz vermitteln. "Die EU
nimmt bewusst in Kauf, dass der eCall unter dem Deckmantel der
Lebensrettung zum Türöffner für weitreichende Datennutzungen wird",
kritisierte Lüdemann, der Professor für Wirtschaftsrecht an der
Hochschule Osnabrück ist. Zudem sei in dem Entwurf ausdrücklich
festgeschrieben, "dass die Einführung des eCalls die europäische
Informationstechnologie auf den Weltmärkten stärken soll". Dadurch
werde Notfallrettung mit Industrieförderung verbunden. "Auch
gesetzgebungspolitisch betrachtet ist das in hohem Maße
kritikwürdig", betonte Lüdemann.
Für die Hersteller und die mit ihm zusammenarbeitenden Unternehmen
sei das dagegen wie Weihnachten, meinte der Experte, der selbst lange
Jahre in der Automobilbranche tätig war. Sie könnten so in Zukunft
nicht nur über die Unfalldaten aus dem Notruf-System, sondern auch
unkontrolliert über die Daten aus den etwa 80 Sensorsystemen für die
Bordelektronik vom Gurtstraffer bis zur Sitzheizung verfügen. "Und
die sind richtig Geld wert", sagte Lüdemann. Marktbeobachter
schätzen, dass das Geschäft mit dem vernetzten Auto bereits im Jahr
2020 den Unternehmen weltweit ein zusätzliches jährliches
Umsatzvolumen von rund 100 Milliarden Euro bescheren könnte.
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