(ots) - Von allen politischen Krankheiten ist der
Machtverlust die tückischste. Unbemerkt schleichen sich erste
Zweifelzellen ein, die der Befallene noch locker weglächelt. Der
Röntgenblick entdeckt rasch deutliche Anzeichen; und bald sieht
jeder, dass da was nicht stimmt.
Obgleich das Opfer des Machtverlusts der ganzen Welt, vor allem
aber sich selbst einredet, dass alles sei wie immer, wenden sich
Menschen ab, Sympathie wird zu Mitleid, Autorität durch
Respektlosigkeiten untergraben. Machtverlust im Endstadium ist an
Einsamkeit und Handlungsunfähigkeit zu erkennen. Therapie
aussichtslos, allein der Zeitpunkt des Abschieds bleibt offen.
Der Rücktritt des Kultur-Staatssekretärs André Schmitz weist auf
fortgeschrittenen Machtverfall des Regierenden Bürgermeisters hin.
Denn nicht Wowereit entschied über Schmitzens Schicksal, sondern
SPD-Chef Sigmar Gabriel im Duett mit Berlins oberstem
Sozialdemokraten, einem gewissen Jan Stöß. Wowereit wird zunehmend
getrieben, wie einst Edmund Stoiber und Kurt Biedenkopf, Johannes Rau
oder Helmut Kohl. Alle haben erlebt, was Angela Merkel noch
bevorsteht: Der Kampf um die Macht gerät zur niederlagenreichen Serie
von Rückzugsgefechten. Kollege Platzeck hat hingegen vorgemacht, wie
Abschied geht, so wie zuvor Roland Koch oder Ole von Beust.
Bevor die berlinüblichen Gehässigkeiten über Klaus Wowereit
ausgeschüttet werden - diese Stadt ist ihrem Regierenden zu Dank
verpflichtet. Wer vor 15 Jahren mit der Bundesregierung in die
Hauptstadt kam, kann ermessen, was sich hier getan hat. Alle
Wirtschaftskennzahlen sind empor geschnellt, die Stadt ist weltweit
beliebt, Touristen strömen, die Kultur blüht, der Haushalt ist fast
solide zu nennen. Wowereit hat das Ansehen Berlins in die Champions
League gehievt oder es zumindest nicht verhindert. Er hat die moderne
Leitkultur der Multiminoritäten definiert: Berlin ist ganz viele und
Respekt der Klebstoff. Als Integrator einer wuseligen Aufgeregtheit
namens Berlin ist Wowereit unerreicht.
Und jetzt die wirklich spannende Frage: Wer kommt danach? Die
Stadt hat ja das gleiche Problem wie ihr Bundesligist: In Herthas
Kader spielt keiner, der sich für die Nationalmannschaft aufdrängt.
Jan Stöß? Raed Saleh? Frank Henkel? Thomas Heilmann? Ramona Pop?
Alles verdiente Lokalpolitiker. Aber wer würde Bastian Schweinsteiger
durch Hany Mukhtar ersetzen? Eben.
Das Vakuum ist Wowereits bester Verbündeter. Dennoch wird der
Machtverfall weitergehen; die lieben Parteifreunde werden ihre
Mobbingqualitäten beweisen, jede Panne wird fortan zu Wowereits
Problem umgedeutet: Viel Spaß mit BER und Humboldtforum und dem
"Klausoleum", jene 270 Millionen Euro teure Zentralbibliothek in
Tempelhof, der Pyramide von Pharao Wowereit. Lässt sich der oberste
Berliner aus dem Amt treiben, wird er wenig später als respektabler
Bürgermeister rehabilitiert. Geht er indessen selbstbewusst,
freiwillig und in einem Moment, da keiner damit rechnet, wird er bald
in einer Reihe stehen mit Ernst Reuter, Willy Brandt und Richard von
Weizsäcker. Viel Zeit ist allerdings nicht mehr.
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