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BERLINER MORGENPOST: Die Sehnsucht nach dem Bewahrenden - Leitartikel

ID: 272447

(ots) - Man könnte neidisch werden als Berliner.
Hunderttausend versammeln sich an diesem Wochenende in Stuttgart, um
gegen den Teilabriss ihres Bahnhofs zu protestieren. Ihr Motiv -
bewahren, was ist. Der Bahnhof, so ihr Empfinden, ist ein Wahrzeichen
ihrer Stadt, und das soll so bleiben. Weder schnellere
Zugverbindungen noch bessere Flughafenanbindung locken sie. Viel zu
teuer, zu unnütz, zu zerstörerisch. Von einer neuen Protestkultur ist
die Rede - durch und durch bürgerlich statt Schwarzer Block.
Selbstbewusste Steuerzahler, die sich nicht mehr von der Politik
diktieren lassen wollen, wohin die Reise geht. "Wir können ohne Euch.
Ihr aber nicht ohne uns", heißt es auf Transparenten, an die
Politiker gerichtet. Wäre ein solcher Protest in Berlin möglich? Ein
breites bürgerliches Aufbegehren, um Unfug zu stoppen und Bewährtes
zu erhalten? Die Antwort ist leider: Nein. Wäre er nötig? Die Antwort
ist: Weiß Gott, ja. Was hat Berlin, gerade der Westteil der Stadt,
alles mit sich machen lassen: Tempelhof geschlossen - jetzt rottet
der schöne alte Flughafen vor sich hin, keiner weiß so recht, was
damit geschehen soll. Der Bahnhof Zoo - zum Regionalbahnhof
degradiert. Die Deutschlandhalle - soll nächstes Jahr abgerissen
werden, Flughafen Tegel - wird dichtgemacht. Jedes einzelne Bauwerk
ein weltbekannter Name, eine schöne Gewohnheit, ein Symbol.
Natürlich, es gab Protest, sogar einen Volksentscheid. Doch im
Vergleich zu dem, was Stuttgart auf die Beine stellt, war der
Aufstand der Berliner ein laues Lüftchen. Jetzt heißt es, auch die
anschwellenden Proteste im Südwesten gegen die Flugrouten des neuen
Großflughafens BBI seien Ausdruck der neuen bürgerlichen
Protestkultur. Leider ist das nicht so. Hier protestiert nur, wer
direkt betroffen ist. Den Rest der Stadt interessiert das Problem
kaum - egal ob bürgerlich oder nicht. Damit, denken viele, müssen die




Reichen in Kladow, Nikolassee und Wannsee schon selbst klarkommen.
Nein, das Einzige, was Berlin in den vergangenen Jahren
leidenschaftlich gut konnte, war - abreißen, abwickeln, abschaffen.
Nur da entstand ein breiter Konsens. Allein die vielen
Bildungsreformen: Abschaffen des verpflichtenden
Religionsunterrichts, Abschaffen der klassischen Grundschule mit
ihren Klassenstufen, Abschaffen der Real- und Hauptschulen. All das
wurde von Berlins Bürgern getragen, ja sogar unterstützt. Mit
Bewahren hat diese Politik nichts im Sinn. Und das Ergebnis? Was ist
aus Berlin geworden? Eine leere Bühne, bespielbar für jeden, der eine
neue Sau durch die Stadt scheucht. Der stillgelegte Flughafen
Tempelhof ist das Symbol dafür. Vor lauter Abschaffen, Abreißen,
Zuschließen droht Berlin seinen Charakter zu verlieren. "Arm, aber
sexy", ist eben keine abendfüllende Botschaft. Wirklich, man könnte
neidisch werden auf Stuttgart.



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Datum: 10.10.2010 - 19:58 Uhr
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