(ots) - Im Jahr 2013 hat es in Deutschland mindestens 155
Fälle von begleiteten Suiziden bei Schwerstkranken gegeben. Die Zahl
beruht auf Recherchen des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" bei
zwölf Sterbehelfern in Deutschland, die überwiegend anonym tätig
sind. Darunter sind Ärzte, u. a. der Berliner Urologe Uwe Christian
Arnold, der Verein "Sterbehilfe Deutschland" und ein pensionierter
Pädagoge. Der ehemalige stellvertretende Schulleiter, Peter Puppe,
bekennt sich in "Report Mainz" erstmals öffentlich, Schwerstkranken
beim Suizid zu assistieren. Seit 2005 sei er als Sterbehelfer in
Deutschland unterwegs. Er habe pro Jahr 4-5 Menschen in den Tod
geholfen - zumeist mit einem Medikamentencocktail: "Ich helfe, wenn
eine schwere Erkrankung ohne Aussicht auf Besserung, ohne Aussicht
auf medizinische Hilfe oder gar Gesundung vorliegt und das eindeutige
Signal über längere Zeit 'Ich möchte nicht mehr weiterleben, weil ich
es als absolutes Leid und als unwürdig empfinde'." Der 70-jährige
Pensionär aus Norddeutschland berät dabei Schwerstkranke, welche
Mittel sie sich zu besorgen haben, und ist beim Suizid dabei. Selbst
aktiv greife er nicht ein, sagt er, weil es sich ansonsten um
verbotene aktive Sterbehilfe handele.
Diese Form des assistierten Suizides hält der Münchener
Medizinrechtler Wolfgang Putz für "absolut legal". Putz, der ein
Grundsatzurteil vor dem Bundesgerichtshof zum
Patientenverfügungsrecht durchgefochten hatte, sagt in "Report
Mainz": "Dieser selbsternannte Sterbehelfer - in Anführungszeichen -
handelt vollkommen rechtmäßig, wenn er nur freiverantwortlichen
Patienten hilft. Es kommt einzig und allein darauf an, ob der
Patient, der den Suizid begehen möchte, freiverantwortlich ist und
wohlüberlegt handelt."
Diese Form der organisierten Sterbehilfe soll nach dem Willen des
neuen Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe verboten und unter
Strafe gestellt werden. Gröhe steht damit in einer Reihe mit
prominenten Unionsvertretern und auch mit dem ehemaligen
SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Den Bedarf bei Schwerstkranken am
ärztlich assistierten Suizid belegt dagegen eine aktuelle Studie des
Instituts für Medizinethik der Ludwig-Maximilians-Universität
München. Von 66 schwerstkranken Patienten, die an der Muskellähmung
ALS leiden, äußersten fast die Hälfte (42 Prozent), an Suizid zu
denken. 50 Prozent könnten sich vorstellen, ihren Arzt um Suizidhilfe
zu bitten. Gleichzeitig belegen die Patienteninterviews, dass sich
fast keiner traut, seinen Arzt daraufhin anzusprechen. "Man kann
daraus schließen, dass Gespräche über Suizidhilfe ein Tabu sind im
Verhältnis zwischen Arzt und Patient", sagt Studienleiter Dr. Ralf
Jox. Ein striktes Verbot der Suizidhilfe werde diesen Schwerstkranken
nicht gerecht, so die Meinung des Münchener Mediziners. Er plädiert
für eine Regelung mit klaren Bedingungen und Kontrollen, die den
Ärzten die Suizidhilfe ermöglicht. Ralf Jox: "Eine solche Regelung
könnte nicht nur Rechtssicherheit bieten, sondern könnte die Sorgen
und Ängste der Patienten, ihre Autonomie ernst nehmen."
Weitere Informationen unter SWR.de/report. Zitate gegen
Quellenangabe "Report Mainz" frei. Fragen bitte an "Report Mainz",
Tel. 06131/929-33351.