(ots) - Demokratie verleiht Macht immer
nur auf Zeit. Dieses Grundprinzip einer freien Gesellschaft wirkt
Verkrustungen und Amtsmissbrauch entï€ gegen, befördert
andererseits den Wettï€ streit um die richtigen politischen
Ziele. Weil Machtausübung auch immer viel Kraft kostet, bewahrt
befristete Verantï€ wortung zugleich vor Überforderung. Die
kann dem Mächtigen auf Zeit von den Wählern bescheinigt werden. Aber
auch er selbst kann seine Grenzen erkennen und freiwillig
zurücktreten. Von der letzten Variante ist in jüngster Zeit
auffallend oft Gebrauch gemacht worden. Bemerkenswert dabei, dass
sich die Amtsmüden - wie am Wochenende Hamburgs Erster Bürgermeister
Ole von Beust - ohne erkennbare Not verabschieï€ det haben. Da
stellt sich dann doch die Frage nach der politischen
Verantworï€ tung. Wie ernst wird sie noch genommen? Demokratie
ist ja nicht allein Machtausï€ Ã¼bung auf Zeit. Die Wähler
erwarten zu Recht auch, dass die, denen sie ihr Verï€ trauen
auf Vorschuss aussprechen, dieses ernst nehmen und verantwortungsvoll
daï€ mit umgehen. Das gilt umso mehr, wenn sich mit der Person
eines Politikers ein wichtiges politisches Projekt verbindet. Anders
als bei den Rücktritten von Günther Oettinger, der von Stuttgart nach
Brüssel befördert wurde, Roland Koch in Hessen, der ein geordnetes
Land hinterï€ lassen hat, oder bei Jürgen Rüttgers, desï€
sen Rheinländer wie Westfalen überdrüsï€ sig waren, ist mit dem
Namen Ole von Beust ein bislang einzigartiges Projekt mit möglicher
Langzeitwirkung verbunden. In Hamburg wird die erste schwarz-grüne
Koalition auf Landesebene erprobt. Ein Testlauf letztlich auch für
den Bund, sollï€ ten die Liberalen weiter derart schwäï€
cheln. Weil das Hamburger Experiment stärker auf dem liberalen Geist
von Ole von Beust gründet als auf dem konservatiï€ veren seiner
CDU in der Hansestadt, trägt der Rathauschef eine besondere
Verantï€ wortung für den Ausgang dieses Experiï€ ments.
So einer darf sich mitten im Test nicht einfach ins Private
verabschieden. Zumal es nach dem erfolgreichen Aufï€ stand der
Hanseaten gegen die radikale schwarz- grüne Schulreform für den Senat
in den nächsten Monaten ganz dicke komï€ men wird. Ole von
Beust hat sich in einem Moment aus der Verantwortung geschliï€
chen, da er dringender denn je gebraucht würde. In Hamburg; aber auch
in Berlin, wo die Alternative Schwarz-Grün für Bundeskanzlerin Angela
Merkel jetzt wohl noch ein bisschen unwahrscheinliï€ cher
geworden ist. Was es in der Politik heißt, Verantworï€ tung zu
übernehmen und zu einem politiï€ schen Projekt zu stehen selbst
bei Gefahr, dafür abgewählt zu werden, haben zuletzt ausgerechnet
zwei Sozialdemokraten beï€ wiesen. Helmut Schmidt, als er gegen
die eigene Partei zur Nachrüstung stand, und Gerhard Schröder, als er
die Agenda 2010 durchpeitschte. Angela Merkel hat sich eiï€ ner
solchen Bewährungsprobe bislang entzogen. Dabei böte die Krise der
Regieï€ rungskoalition reichlich Gelegenheit daï€ zu.
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