(ots) - Es ist ein richtiger Ansatz, beim Gedenken an die
Wende von 1989 die Montagsdemos aus dem Schatten der Übersymbole
»Mauerfall« und »Wiedervereinigung« zu holen. Nicht nur, weil es erst
der einen bedurfte, damit das andere geschehen konnte. Sondern weil
diese Akzentverschiebung im Erinnern den Blick wieder auf Motive der
»friedlichen Revolution« lenken könnte, die im öffentlichen Erinnern
über Jahrzehnte an den Rand gedrängt waren. Es gibt über die Wende
einen klugen Satz von Hans-Jochen Tschiche: »Wir waren die Türöffner,
andere aber haben die Politik gemacht.« Der Bürgerrechtler und
spätere Grünen-Politiker hat damit die Verzerrung in der
bundesdeutschen Erzählung der Wende markiert: In ihr galt - wie bei
anderen selbst ernannten Siegern der Geschichte auch - stets vor
allem das als gedenkwürdig, was mit den jeweils gegenwärtigen
Verhältnissen gut vereinbar war. Und so wurde das Aufbegehren in der
DDR auf den Nenner einer nationalen Freiheits- und Einheitsbewegung
reduziert. Doch ein großer Teil der zunächst kleinen Opposition in
der DDR und ja: auch in der SED wollte anderes, wollte mehr: einen
Dritten Weg, ökologischen Umbau, radikale Demokratisierung und und
und. Der Wendeherbst war zunächst von einer historischen Offenheit
geprägt, die noch heute Gänsehaut macht. Auch, weil vieles, das
damals als Alternative zur Debatte stand, noch immer ein politisch
offener Posten ist. Es lebte ein utopisches, ja: ein linkes Moment in
diesen Wochen - und die Montagsdemos waren davon sichtbarster
Ausdruck.
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