(ots) - Knallhart kalkuliert
140 Textzeichen sind nicht viel. Und dennoch können sie die Welt
verändern. Das hat Twitter im arabischen Frühling bewiesen. Der
Kurznachrichtendienst war Kommunikationsmittel der Revolution, das
Flugblatt 2.0. Über das Internet demaskierten die Demonstranten für
alle Welt sichtbar das blutige Treiben der Despoten. Mithilfe von
Twitter verabredeten sich die Unterdrückten zum zivilen Ungehorsam.
Das wird so nicht mehr möglich sein, wenn die angekündigten
Selbstzensurbestrebungen umgesetzt werden.
Eine Welle der Entrüstung schwappt durchs Internet. Kein Wunder:
Es drängt sich der Eindruck auf, bei Twitter handele es sich um
Allgemeingut. Hinter dem Kurznachrichtendienst steckt aber, wie bei
Google oder Facebook auch, ein knallhart kalkulierendes Unternehmen
und kein Wohltätigkeitsverein. Weniger eine demokratische Mission als
vielmehr die Gewinnmaximierung liegt im Interesse von Twitter. Und
deswegen müssen neue Märkte erschlossen werden. Das größte
Nutzerpotenzial liegt dort, wo Meinungsfreiheit unterdrückt wird.
Etwa in China.
Die Zensurpläne sind somit vorauseilender Gehorsam mit dem Ziel,
Grenzen zu öffnen. Schade, denn das Internet verliert wieder ein
Stück seiner Unschuld. Aber dort, wo es um hohe Summen geht, ist kaum
Platz für Ideale. Man könnte auch sagen: Das Netz wird wieder ein
Stück erwachsener.
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