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War Martin Heidegger ein Antisemit? Die Veröffentlichung des
nächsten Bandes der "Schwarzen Hefte" sorgt für neuen Zündstoff in
dieser Streitfrage, seit bekannt wurde, dass Heidegger darin von der
"Selbstvernichtung" des Judentums spricht. Im Exklusivinterview mit
HOHE LUFT für den Blog der Philosophie-Zeitschrift
(www.hoheluft-magazin.de) geht Peter Trawny, Herausgeber der
"Schwarzen Hefte" im Rahmen der Heidegger-Gesamtausgabe, schon vor
Veröffentlichung des Bandes ("Anmerkungen I - V", Heidegger
Gesamtausgabe Bd. 97, Anfang März 2015) auf Distanz zu dem
Philosophen.
"Die Tendenz in den vorherigen Bänden hat sich bestätigt.
Zumindest im ersten Band der 'Anmerkungen' gibt es Äußerungen, die
ich als antisemitisch bezeichnen würde", sagt Trawny, der an der
Bergischen Universität in Wuppertal lehrt. Zur Haltung Heideggers
nach 1945 sagt der Wissenschaftler: "Nach dem Krieg spricht er zwar
nicht mehr vom Weltjudentum. Aber man denkt doch, dass er an dieser
Feindfigur festhält."
Zur Frage nach der deutschen Schuld an der Judenvernichtung äußere
sich Heidegger "verfahren und problematisch", so der derzeitige
Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe. "Heidegger sagt, es gibt
diese Schuld, aber es wäre eine noch viel größere Schuld gewesen,
wenn 'wir' dieses deutsche Projekt nicht versucht hätten. Und es gibt
eine eigentlich noch größere Schuld der Alliierten, weil sie sich an
der Vernichtung der Deutschen schuldig gemacht haben."
Heideggers Antisemitismus müsse nach den neuen Veröffentlichungen
nicht nur als banales Ressentiment bewertet werden. "Dieses private
Ressentiment, vielleicht unterstützt durch den Krieg und die
Propaganda, muss ihn so von seinem Weg abgebracht haben, dass er dann
tatsächlich auch philosophisch dummes Zeug geredet hat", sagt Trawny.
"Dass Heidegger den moralischen Charakter der Situation ignoriert,
das Offenbare, dass Männer, Frauen und Kinder aufgrund ihrer
Zugehörigkeit zum Judentum ausgelöscht wurden, das war und ist für
mich schwer erträglich", so Peter Trawny im HOHE
LUFT-Exklusivinterview - und ergänzt: "Es ist ja ganz klar, dass
Heidegger von der Verfolgung und den Deportationen gewusst hat. Und
aufgrund bestimmter Äußerungen in den 'Anmerkungen' muss man
vielleicht sogar die Möglichkeit einräumen, dass Heidegger mehr
gewusst haben könnte."
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