Visionen fĂŒr ein nachhaltiges europĂ€isches Verkehrsnetz: MdEP Ismail Ertug im Interview
(PresseBox) - Ismail Ertug (SPD) ist Mitglied des EuropĂ€ischen Parlaments und dort Berichterstatter fĂŒr die Erstellung der Leitlinien fĂŒr die transeuropĂ€ischen Verkehrsnetze (TEN-V). Der Verkehrsexperte sieht in der Kombination aus der Förderung grenzĂŒberschreitender Verkehrsinvestitionen und der im WeiĂbuch verankerten Reduzierung der Treibhausgase eine groĂe Chance fĂŒr Europa - wenn die EU-Mitgliedsstaaten ihre nationale Brille absetzen und bereit sind, in ein nachhaltiges europĂ€isches Verkehrsnetz zu investieren.
Mit dem WeiĂbuch und den GesetzentwĂŒrfen fĂŒr TEN-V setzt sich die EU verkehrspolitisch ehrgeizige Ziele. Ist die EuropĂ€ische Kommission damit auf dem richtigen Weg?
Ertug: Im WeiĂbuch geht es auch darum, Verkehr in Europa umweltvertrĂ€glicher zu organisieren. 2011 haben wir Abgeordnete das WeiĂbuch mit groĂer Mehrheit verabschiedet. Das Ziel der Reduzierung von Treibhausgasen um 60 Prozent bis 2050, gemessen am Jahr 1990, ist sicher ehrgeizig, aber wichtig. Erreichen werden wir es nur, wenn wir beginnen, Verkehre intelligent zu verlagern, wo immer es geht. Das funktioniert aber nur da, wo die notwendige Infrastruktur bereitsteht - gerade wenn wir von grenzĂŒberschreitenden Verkehren sprechen. Da gibt es noch sehr viel Nachholbedarf. Die Idee eines einheitlichen transeuropĂ€ischen Verkehrsnetzes, wie es TEN-V entwickelt, begrĂŒĂe ich deshalb sehr. Mit dem Kernnetz, fĂŒr das mit 85 Prozent der weitaus gröĂte Teil der 31,7 Milliarden Euro Fördermittel vorgesehen sind, könnte das transeuropĂ€ische Verkehrsnetz bis 2030 deutlich vorankommen.
Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die EuropÀische Kommission?
Ertug: Die interessante Frage fĂŒr uns Parlamentarier ist: In welcher Form wird das Vorhaben umgesetzt? Einfach nur ZuschĂŒsse anzubieten reicht nicht. FĂŒr die neu geschaffenen Korridore stehen Mittel aus dem "Connecting Europe Facility"-Fond (CEF) bereit. Bei der Umsetzung des Kernnetzes sollen zudem Koordinatoren eingesetzt werden, die alle Beteiligten bei groĂen Infrastrukturprojekten an einen Tisch holen und als Vermittler tĂ€tig werden.
Solche Koordinatoren gab es auch bereits bei den bisherigen EU-Förderprogrammen.
Ertug: Das stimmt, allerdings sollten sie kĂŒnftig nach Ansicht der Kommission mehr Kompetenzen in Bezug auf den organisatorischen Ablauf haben - und damit haben manche EULĂ€nder im EuropĂ€ischen Rat ihre Schwierigkeiten. Sie empfi nden das als Eingriff in ihren ZustĂ€ndigkeitsbereich. Deshalb hat der Rat die Rolle der Koordinatoren im Gesetzentwurf stark beschnitten. Wir Sozialdemokraten halten das fĂŒr einen Fehler. Wenn die Arbeit der Koordinatoren funktionieren soll, gerade bei grenzĂŒberschreitenden Projekten, dann mĂŒssen sie auch Einfl uss auf die AblĂ€ufe haben. Gleiches gilt fĂŒr die angedachten Korridor-Plattformen, in denen grenzĂŒberschreitende Einzelprojekte sinnvoll zusammengefasst werden. Auch hier haben die LĂ€nder eine KompetenzĂŒberschreitung gewittert und aufgeschrien. Auch weil die Kommission vorhat, bei solchen Korridorprojekten Vertreter der betroffenen Kommunen und von lokalen BĂŒrgerinitiativen mit an den Tisch zu holen. Das scheint den Nationalregierungen Angst einzujagen, ist aber aus Sicht einer frĂŒhzeitigen BĂŒrgerbeteiligung und zur Vermeidung groĂer Konfl ikte nach dem Beispiel von Stuttgart 21 sehr sinnvoll. Deshalb werden wir als europĂ€ische Fraktion einen Antrag stellen, der in beiden Punkten dem ursprĂŒnglichen Gesetzestext entspricht.
Auch aus der deutschen Regierung kam Kritik und Widerstand gegen den TEN-V-Vorschlag der Kommission. Wie bewerten Sie als deutscher Abgeordneter diese Haltung?
Ertug: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich Deutschland da nicht mit Ruhm bekleckert hat. Die schwarz-gelbe Regierung denkt leider immer noch zu wenig in europĂ€ischen ZusammenhĂ€ngen. Dabei mĂŒsste sie eigentlich ein Interesse daran haben, dass die europĂ€ischen Verkehrsnetze ausgebaut und zusammengefĂŒhrt werden: Wir sind die gröĂte Volkswirtschaft in der EU und profi tieren immens von einem funktionierenden Binnenmarkt. Und als Transitland sind wir NutznieĂer von effi zient fl ieĂenden Verkehren - oder umgekehrt: Wenn es sich in Europa stĂ€ndig staut, zĂ€hlen wir in Deutschland zu den Hauptleidtragenden. Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass die deutsche Bundesregierung in Sachen Europa stĂ€rker auf Kooperation und weniger auf Konfrontation setzt.
Im TEN-V-Entwurf spielen natĂŒrlich auch die BinnenhĂ€fen eine Rolle. Wie bewerten sie die VorschlĂ€ge im Gesetzentwurf?
Ertug: Die wichtige Bedeutung der BinnenhĂ€fen ist lĂ€ngst bekannt, trotzdem wurden sie auf europĂ€ischer Ebene lange Zeit stiefmĂŒtterlich behandelt. Ich freue mich deshalb sehr, dass die EuropĂ€ische Kommission in diesem Entwurf zum ersten Mal die groĂe Bedeutung der BinnenhĂ€fen als logistische Schnittstellen und multimodale Drehscheiben, auch fĂŒr den Hinterlandverkehr, deutlich ausspricht. Etliche deutsche BinnenhĂ€fen haben deshalb Eingang in das Kernnetz gefunden, darunter natĂŒrlich Duisburg und Köln, aber auch DĂŒsseldorf, Karlsruhe und NĂŒrnberg. Der Ausbau dieser HĂ€fen hat damit die nötige PrioritĂ€t erhalten. NatĂŒrlich kann man immer die Frage stellen, warum es der eine oder andere Hafen nicht ins Kernnetz geschafft hat. Aber die Kommission hat strenge Parameter angelegt, und zwar fĂŒr alle VerkehrstrĂ€ger und jede Art der Verkehrsinfrastruktur. Wenn wir nun anfangen wĂŒrden, die Zahlen zu diskutieren, kĂ€men wir vom Hundertsten ins Tausendste - und nie zu einer praktikablen PrioritĂ€tensetzung.
Um welche Art von Infrastrukturausbau wird es bei den BinnenhÀfen, die im Kernnetz enthalten sind, gehen?
Ertug: Zentral ist vor allem der multimodale Ausbau. Die groĂe StĂ€rke der BinnenhĂ€fen ist ihre Funktion als Schnittstelle fĂŒr WasserstraĂe, Schiene und StraĂe. Wenn es an dieser Schnittstelle qualitativ oder von den KapazitĂ€ten her hakt, werden wir die gewĂŒnschten Verlagerungseffekte von der StraĂe nicht im ausreichenden MaĂ erreichen. Wir durften vor kurzem den neuen Containerhafen Tanger Med in Nordmarokko besichtigen, der eine fantastische multimodale Ausrichtung hat. NatĂŒrlich kann man einen Seehafen nicht einfach mit einem Binnenhafen vergleichen - aber was die MultimodalitĂ€t angeht, wird es auch in Europa in diese Richtung gehen. Das TEN-V-Programm kann dazu einen wichtigen AnstoĂ geben. Beim Ausbau der HĂ€fen und WasserstraĂen ist mir persönlich aber auch wichtig, dass neben den wirtschaftlichen und logistischen Interessen der Natur- und Artenschutz als gleich gewichteter Faktor behandelt wird. Das gilt allerdings fĂŒr alle VerkehrstrĂ€ger: KapazitĂ€tsausbau ja, aber nicht um jeden Preis.
Deutschland ruft bislang nur in sehr geringem Umfang europĂ€ische ZuschĂŒsse fĂŒr die Verkehrsinfrastruktur ab. Wie erklĂ€ren Sie sich diese ZurĂŒckhaltung?
Ertug: Deutschland ist ein sehr selbstbewusstes Mitglied der EU - und ein reiches. Die deutsche Regierung wĂ€gt offenbar sehr stark ab, ob sie EU-Mittel in Anspruch nimmt, weil sie zu viel Einfl uss der EU vermeiden will. Um das zu verdeutlichen: Wer ZuschĂŒsse in Anspruch nimmt, muss bestimmte Verpfl ichtungen eingehen und gewisse Voraussetzungen erfĂŒllen. So gibt es von der EU etwa Fristen, an die sich LĂ€nder halten mĂŒssen, wenn sie ZuschĂŒsse abrufen. Oder es werden technische Aufl agen gemacht: Bei Investitionen in Schienenwege gibt es zum Beispiel die Pfl icht, in ERTMS-Technik zu investieren, also in eine standardisierte Signaltechnik, die den grenzĂŒberschreitenden Schienenverkehr erleichtern soll. Solche Aufl agen sind aus meiner Sicht sinnvoll, aber sie schrĂ€nken natĂŒrlich die FlexibilitĂ€t ein. In Deutschland hat man sich lange Zeit fĂŒr die FlexibilitĂ€t und gegen die ZuschĂŒsse gestellt. Das wird in Zukunft deutlich schwieriger, denn die EU-Kommission hat auch ihr Zuschussmodell ĂŒberarbeitet: In Zukunft gilt die "Use it or lose it"-Maxime - das heiĂt: Wenn ein Staat ZuschĂŒsse nicht abruft, können diese Mittel von anderen LĂ€ndern in Anspruch genommen werden. Gerade die KohĂ€sionslĂ€nder greifen gerne auf ZuschĂŒsse zurĂŒck. Ein Bunkern von ZuschĂŒssen, wie bisher möglich, wird es dann also nicht mehr geben.
Wenn Deutschland bislang EU-ZuschĂŒsse in Anspruch genommen hat, wurde davon der geringste Teil fĂŒr den Ausbau der WasserstraĂe verwendet. Woran liegt das?
Ertug: Die Entscheidung fĂŒr oder gegen den WasserstraĂenausbau ist leider nicht immer eine rationale, sondern oft auch eine ideologische - und der StraĂentransport hat eben leider immer noch die gröĂte Lobby. Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass sich irgendwann die PrioritĂ€tensetzung in der Regierung Ă€ndert und sich in Richtung der umweltfreundlicheren VerkehrstrĂ€ger Wasser und Schiene bewegt. Aber bislang ist das leider nur ein frommer Wunsch.
Ăber 100 HĂ€fen in Deutschland bilden das RĂŒckgrat des Bundesverbandes Ăffentlicher BinnenhĂ€fen (BĂB) mit Sitz in Berlin. Der BĂB ist Mitglied im EuropĂ€ischen Verband der BinnenhĂ€fen (EVB). Vor Ort ist der BĂB mit regionalen Arbeitsgemeinschaften in allen wichtigen deutschen WirtschaftsrĂ€umen vertreten. Spezielle Fachthemen werden in ĂŒberregionalen AusschĂŒssen behandelt. Der BĂB ist kompetenter Ansprechpartner fĂŒr die Politik auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene und kooperiert mit bedeutenden WirtschaftsverbĂ€nden. Er bringt auf diesem Weg die Belange seiner Mitgliedsunternehmen in den politischen Meinungsbildungsprozess ein. Der BĂB erfĂŒllt Aufgaben und verfolgt Ziele in folgenden Bereichen: Politik, Ăffentlichkeit, Institutionen, Mitgliedsunternehmen.
Ăber 100 HĂ€fen in Deutschland bilden das RĂŒckgrat des Bundesverbandes Ăffentlicher BinnenhĂ€fen (BĂB) mit Sitz in Berlin. Der BĂB ist Mitglied im EuropĂ€ischen Verband der BinnenhĂ€fen (EVB). Vor Ort ist der BĂB mit regionalen Arbeitsgemeinschaften in allen wichtigen deutschen WirtschaftsrĂ€umen vertreten. Spezielle Fachthemen werden in ĂŒberregionalen AusschĂŒssen behandelt. Der BĂB ist kompetenter Ansprechpartner fĂŒr die Politik auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene und kooperiert mit bedeutenden WirtschaftsverbĂ€nden. Er bringt auf diesem Weg die Belange seiner Mitgliedsunternehmen in den politischen Meinungsbildungsprozess ein. Der BĂB erfĂŒllt Aufgaben und verfolgt Ziele in folgenden Bereichen: Politik, Ăffentlichkeit, Institutionen, Mitgliedsunternehmen.