Fortschritt und Gerechtigkeit: Wirtschaftlicher Erfolg, solide Finanzen und sozialer Zusammenhalt
(pressrelations) - Auf dem SPD-Parteitag in Berlin wurde am Dienstag, dem 6. Dezember 2011, folgender Leitantrag beschlossen:
Kurzfassung:
Deutschland ist besser durch die Weltwirtschaftskrise gekommen als die meisten anderen Länder. Doch immer mehr Menschen werden vom Wohlstand abgekoppelt. Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit, aber die Zahl der schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsplätze steigt. Die SPD will, dass wirtschaftlicher und technischer Fortschritt allen Menschen zu Gute kommt. Die SPD will Schulden abbauen, Steuern gerecht gestalten und in Bildung und Kommunen investieren.
Dafür müssen die Finanzmärkte konsequent reguliert werden. Die SPD fordert u.a. eine Spekulationssteuer (Finanztransaktionssteuer) mindestens im Euro-Raum einzuführen und bestimmte hochspekulative Geschäfte zu verbieten. Eine schlagkräftige europäische Aufsicht für Banken, Versicherungen und Wertpapiere soll ebenso aufgebaut werden wie die effektivere Kontrolle von Ratingagenturen.
Um nachfolgende Generationen zu entlasten, müssen die Schulden abgebaut werden. Deshalb will die SPD die konjunkturellen Steuermehreinnahmen dafür verwenden, die Neuverschuldung zu senken. Die SPD macht keine Steuersenkungsversprechen, für die neue Schulden aufgenommen werden müssten. Unnötige und ökologisch nachteilige Subventionen sollen ebenso abgebaut werden wie selektive Steuerbegünstigungen, wenn sie nicht zielgerichtet sind, keine sozialen Nachteile ausgleichen oder sogar gesellschaftlich
unerwünschtes Verhalten fördern. Insgesamt werden so knapp 15 Mrd. ? gesamtstaatlich eingespart, davon 9 Mrd. beim Bund.
Um mehr in Bildung und Kommunen zu investieren, soll der Spitzensteuersatz für Bezieher höherer Einkommen auf 49 Prozent erhöht werden (ab einem jährlichen Einkommen von 100.000 ?). Die SPD fordert eine Reform der Vermögens- und Kapitalertragsbesteuerung.
Für Bildung sollen ab 2016 10 Mrd. ? mehr an Bundesmitteln zur Verfügung stehen. Um die Lebensqualität für alle zu steigern, sollen die Städte und Gemeinden mehr Geld für Soziales und Kultur zur Verfügung haben. Deshalb sollen Städte und Gemeinden ab 2016 zusätzlich zur Übernahme der Grundsicherungskosten jährlich rund 4 Mrd. ? mehr erhalten.
Langfassung
1. Ein neues Fortschrittsmodell für unser Land
Fortschritt war für Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten immer ein gesellschaftlicher Fortschritt: zu mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarität. Wirtschaftlicher und technischer Fortschritt sollten allen zu Gute kommen: als Befreiung von unzumutbaren Arbeitsbedingungen ebenso wie für einen höheren allgemeinen Lebensstandard, mehr Lebensqualität und wachsende soziale Sicherheit.
Dieses Ziel bleibt für uns gültig in einer Zeit, in der Unsicherheit wächst, viele nicht mehr an einen persönlichen Aufstieg glauben, mit sich verschlechternden Arbeitsbedingungen konfrontiert sind und sich Vertrauen in Politik auflöst. Denn sozialdemokratische Politik hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie sich wandelnde Lebensrealitäten und gesellschaftliche Entwicklungen ernst genommen hat, aber die Welt nicht einfach akzeptiert hat wie sie ist. Sozialdemokratische Politik ist immer bereit,
ökonomische und soziale Realitäten zu verändern ? auch wenn dazu große Anstrengungen und Konflikte notwendig sind.
Das heißt für uns heute, die ökonomische Globalisierung als politische Herausforderung anzunehmen, die damit verbundenen Wohlstandsgewinne nicht zu leugnen, aber die damit ebenfalls verbundene Verselbständigung der Finanzmärkte, die Verschlechterung der Einkommensverteilung oder den Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen weder zu ignorieren noch zu akzeptieren.
Der Glauben an die Rationalität und Effektivität freier Märkte wurde durch die Finanzkrise ebenso nachhaltig erschüttert wie das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit von Politik jenseits von reaktiven Rettungspaketen. Es geht daher um nicht weniger, als um die Verteidigung und Stärkung der Demokratie gegen einen ungezähmten Kapitalismus.
Das alte Fortschrittsmodell ist brüchig und widersprüchlich geworden. Es bringt Verunsicherung statt Hoffnung, gerade dort, wo es früher als Versprechen an ganze Generationen gewirkt hat. Der Fortschritt, den wir erleben, ist zunehmend entkoppelt - von der Verbesserung von Lebensqualität und Einkommen und der Sicherung von Nachhaltigkeit und Mitsprache. Fortschritt wird wahrgenommen als Programm der Unsicherheit und der Verunsicherung, der Übermacht Märkten und der Entdemokratisierung von Gesellschaft
und Wirtschaft. Darum spielt bei der Bestimmung der Grenzen und Regeln auch die Verbraucherpolitik eine zentrale Rolle. Wir wollen Verbraucherinnen und Verbrauchern unabhängig von Herkunft; Bildungsstand und finanziellen Möglichkeiten schützen vor unlauteren Geschäftspraktiken, Missbrauch ihrer Daten, Existenzbedrohenden Fehlentscheidungen z.B. bei der Alterssicherung und vor unsicheren Produkten. Und wir wollen sie stärken in ihren Rechten und in ihren Möglichkeiten zur Mitgestaltung des Marktes.
Seit Anfang der 70er Jahre sind die Zweifel gewachsen, ob das bisherige Fortschrittsmodell auf Dauer mit den natürlichen Lebensbedingungen auf der Erde vereinbar ist. Für wachsende Gruppen der Gesellschaft gilt sich das mit dem Fortschrittsverständnis verbundene Aufstiegsversprechen nicht mehr, Menschen werden in großer Zahl ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr und verlässliche Lebensentwürfe lösen sich auf. Die Fortschritts- und Reformversprechen der
wirtschaftlichen und politischen Eliten haben sich für viele Menschen nicht erfüllt. Trotz sichtbar gewachsenen Reichtums und trotz aller persönlichen Veränderungs- und Leistungsbereitschaft hat sich für sie die persönliche Lebenssituation nicht verbessert. Die Gesellschaft hat sich deutlich fragmentiert und verlässliche Strukturen haben sich aufgelöst.
Ging es mit Beginn der Industrialisierung und der Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung immer um die gerechte und soziale Aneignung der Ergebnisse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, entwickelte sich seit den 1970er Jahren immer stärker eine kulturelle Fortschrittsskepsis. Aus dem Kampf um die soziale Einhegung des Kapitalismus und gegen seine spezifische Form des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ist vielerorts ein Kampf gegen den Fortschritt selbst geworden, insbesondere
dort, wo er Veränderungen im unmittelbaren Lebensumfeld von Menschen einfordert. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung dreht sich nicht mehr um die richtige Balance zwischen privater und sozialer Aneignung des Fortschritts. Sondern sie richtet sich inzwischen mehr und mehr gegen jede Form der Veränderung, die von den wirtschaftlichen und politischen Eliten zu "Fortschrittsprojekten" erklärt werden. Eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Fortschrittsbegriffs ist bislang ausgeblieben.
Für eine moderne Gesellschaft ist eine solche Entwicklung gefährlich. Eine älter werdende Gesellschaft wie die deutsche braucht eine dynamische Volkswirtschaft, sonst wird sie ärmer und die Verteilungskonflikte zwischen Jung und Alt und Arm und Reich nehmen zu. Mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft ist ohne wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die damit verbundene Veränderungsbereitschaft nicht denkbar. Dazu gehört nicht nur Fortschritt bei erneuerbaren Energien oder grünen
Technologien. Dazu gehören auch schwierige Projekte wie eine moderne Verkehrsinfrastruktur, Rohstoffpipelines, Flughäfen oder Kraftwerke.
Fortschritt heute ist eine Erfahrung der Ambivalenz. Viele Menschen fühlen sich als ein Spielball von Märkten, technokratischen Notwendigkeiten und vermeintlichen Sachzwängen. In solch einem Klima können weder Zuversicht, Sicherheit, Engagement noch neue Ideen entstehen.
Wir Sozialdemokraten teilen einen solchen Pessimismus nicht. Wir halten gesellschaftlichen Fortschritt auch weiterhin für notwendig und möglich ? national, europaweit und global. Gesellschaft bleibt gestaltbar. Die Zukunft ist offen. Allerdings stellen wir uns der Notwendigkeit, das bisherige Fortschrittsmodell zu verändern.
Die unübersehbaren ökologischen Grenzen einer auf Natur- und Rohstoffverbrauch ausgerichteten Industrialisierung zwingen zur Modernisierung unseres Fortschrittsverständnisses. Mehr als zuvor hängt die Entwicklung Gesellschaft von unserer Bereitschaft und Fähigkeit zur internationalen Zusammenarbeit ab. Gemeinsam mit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Europa und anderen Teilen der Welt treten wir für eine Politik ein, die sich erneut einen umfassenden gesellschaftlichen Fortschritt zum Ziel
setzt: für mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarität, sozial verantwortlich und gemeinwohlorientiert. Wir wollen eine solidarische Gesellschaft, die individuelle Freiheit mit gemeinsamer Verantwortung aller für alle verbindet und in der wirtschaftlicher und technologischer Fortschritt mit individuellem und sozialem Wohlstand, ökologischer Nachhaltigkeit und demokratischer Teilhabe verbunden wird. Diese Verbindung ist der emanzipatorische Kern unserer Idee für einen neuen, gerechten und
nachhaltigen Fortschritt.
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität bilden das Fundament, auf dem ein neues Fortschrittsmodell stehen muss.
2. Wirtschaftliche Kraft und soziale Verantwortung: Ein sozialdemokratisches Erfolgsmodell
Jahrzehntelang hat das System der sozialen Marktwirtschaft die Wirtschafts- und Gesellschaftsform der Bundesrepublik Deutschland geprägt und für wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Ausgleich gesorgt. Grundlagen dieses Erfolgs waren die Innovationsfähigkeit der deutschen Unternehmen ? insbesondere des Mittelstandes ?, verantwortungsbewusste Unternehmerinnen und Unternehmer einerseits und gut ausgebildete Fachkräfte sowie faire und durch Tarifverträge geregelte Arbeitsbeziehungen mit Mitbestimmung
von Arbeitnehmervertretungen und Gewerkschaften. Der wachsende wirtschaftliche Erfolg der deutschen Unternehmen war verbunden mit steigender sozialer Sicherheit und individuellem Aufstieg und einem höheren Maß an Wohlstand für breite Kreise der Bevölkerung.
Annähernd drei Jahrzehnte wurde dieses Modell von weiten Teilen der Wirtschaftswissenschaften, der Medien und großen Teilen der Politik als veraltet, nicht mehr zeitgemäß und den Anforderungen der Globalisierung nicht gewachsen diskreditiert. Ausgehend von Großbritannien und den USA verbreitete sich auch in Deutschland die konservativ-liberale Auffassung, dass nur ein möglichst freier Wettbewerb der Staaten, der Regionen, der Unternehmen und der Menschen wirtschaftlichen Erfolg sichern könne. Die
politischen Losungen "Privat vor Staat", der Aufruf zur Privatisierung wichtiger öffentlicher Aufgaben, der Wettlauf um die niedrigsten Löhne, Steuern und Sozialabgaben und vor allem der Verzicht auf internationale Spielregeln an den sich dynamisch entwickelnden Finanzmärkten galten als alternativloses Leitmodell ? die neue globalisierte Wirtschaft. Tarifverträge, Mitbestimmung, Kündigungsschutz, soziale Stabilität insgesamt galten als Modelle von vorgestern. Selbst die industrielle
Produktion und das produzierende Gewerbe galten als überholt.
Das Ergebnis ist bekannt: Das Modell des laissez-faire, der deregulierten Finanzmärkte, der Aufgabe von ökonomischen, sozialen und ökologischen Spielregeln ist gescheitert! Unvorstellbar große Summen mussten von den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern aufgebracht werden, um die wirtschaftlichen Folgeschäden der Fehlentwicklungen zu begrenzen und einen Zusammenbruch des gesamten Weltwirtschaftssystems zu verhindern.
In Deutschland wurde die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gemeistert, weil die Sozialpartnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern (?)funktionierte. Flexible und verantwortungsbewusste Unternehmen und Arbeitnehmer und Gewerkschaften sicherten in einem großen gemeinsamen Kraftakt Millionen von Arbeitsplätzen. Und ein handlungsfähiger Staat schuf dafür die richtigen Rahmenbedingungen: durch massive Unterstützung der Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen, eine weltweit einmaligen
Kurzarbeiterregelung und die zeitweise Verstaatlichung von Banken, um die Kreditversorgung des Mittelstands ebenso abzusichern wie die Spareinlagen von Millionen Bürgerinnen und Bürgern. Es waren die sozialdemokratischen Mitglieder der Bundesregierung, die dieses staatliche Engagement gegen den Widerstand aller anderen Parteien in der großen Koalition durchsetzten.
Das "Modell Deutschland" und die darin verankerte "Sozialpartnerschaft" von Arbeitgebern und Gewerkschaften, die Verbindung von wirtschaftlichem Erfolg mit sozialem Zusammenhalt und sozialer Sicherheit ist ein sozialdemokratisches Erfolgsmodell und das Gegenteil der konservativ-liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsideologie.
2.1 Die Finanzkrise ist noch nicht überwunden!
Nachdem der Staat in der jüngsten Krise durch massive Interventionen und koordiniertes Handeln mit anderen Staaten einen größeren Zusammenbruch verhindern konnte, stehen nun die Staaten selbst unter dem Druck unregulierter Finanzmärkte. Wenn der Staat gegenüber einem ungezähmten Kapitalismus nicht mehr für wirtschaftliche und soziale Stabilität sorgen kann, wenn seine Rolle nur noch die des Reagierenden ist, muss das Vertrauen in die Demokratie dauerhaft Schaden nehmen! Wenn das Finanzsystem zu
immer riskanteren Finanzanlagen verführt, und Risiken produziert, die ganze Volkswirtschaften ruinieren können, sind Demokratien gefordert, eine Antwort zu geben, wie sich die Wirtschaft wieder im Interesse der Menschen und des Gemeinwohls entwickeln kann.
Finanztransaktionen machen weltweit heute ein Volumen von mehr als 990 Billionen ? aus, der außerbörsliche Handel mit Derivaten beträgt etwa 660 Billionen ?. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt beträgt hingegen nur 63 Billionen. Diese Zahlen machen deutlich, wie sich der Finanzmarkt verselbständigt und von der Realwirtschaft gelöst hat.
Besorgnis erregend ist, dass die Finanzkrise strukturell noch nicht überwunden ist. Vom Finanzsektor geht noch immer eine Gefahr für die Realwirtschaft und die Lebensgrundlagen vieler Menschen aus. Die Zeche des Zauderns gegenüber wirksamen Regulierungsschritten auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene wird bedrohlich groß. Notwendig eine mutige Politik, die bereit ist die Finanzmärkte umfassend zu regulieren und dafür international Verbündete zu suchen.
2.2 Die Situation der öffentlichen Infrastruktur in Deutschland
Seit über einem Jahrzehnt wird in vielen Diskussionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft Klage geführt über den Zustand der öffentlichen Infrastruktur unseres Landes. Vor allem der Zustand des deutschen Bildungssystems, seine unbefriedigende Qualität im internationalen Maßstab, aber auch die schlechte bauliche und technische Ausstattung unserer Schulen und Hochschulen werden bemängelt. Ob PISA-Studie oder internationale Hochschulrankings ? Deutschland rangiert seit vielen Jahren
nur im internationalen Mittelfeld. Unser Bildungssystem ist trotz umfangreicher Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen nicht ausreichend finanziert. Voraussetzung für auch künftig hohe Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stärke sind daher erhebliche finanzielle Anstrengungen für Bildung im kommenden Jahrzehnt. Mit mittelmäßigen Bildungsausgaben ist kein erstklassiges Bildungssystem zu finanzieren. Daher wollen wir für Bildung so viel Geld bereit stellen wie die Spitze der erfolgreichen
Staaten.
Die Städte und Gemeinden in unserem Land stehen mittlerweile vielerorts an der Grenze ihrer Handlungsfähigkeit. Nachdem fast alle Kommunen durch notwendig gewordene Haushaltssanierungsprogramme in den letzten eineinhalb Jahrzehnten ihre "freiwilligen Ausgaben" zusammengestrichen haben, geht es für viele Kommunen an die Substanz: die Erhaltung der kommunalen Selbständigkeit, kulturelle und soziale infrastrukturelle Grund- und Lebensfunktionen. Die Herausforderungen des demographischen Wandels kann
ein Großteil unserer Kommunen mangels ausreichender finanzieller Handlungsspielräume nicht angemessen bewältigen. Dies aber ist nötig, um die vitalen Integrationsfunktionen für die Menschen vor Ort erlebbar zu gewährleisten. Daher brauchen wir handlungsfähige, solide finanzierte Kommunen. Deutschland hat einen enormen Investitionsbedarf. Die öffentliche und private Investitionsquoten sind unterdurchschnittlich, die Energiewende verlangt zusätzlich nach neuen Zukunftsinvestitionen. Hierfür müssen
wir die notwendigen Mittel bereitstellen.
Die gesamtwirtschaftliche Steuerquote liegt in Deutschland bei 23 Prozent. Das heißt: Selbst unter Berücksichtigung des zwischenzeitlichen Wachstums des BIP standen im Jahr 2009 weniger Mittel im Verhältnis zur Wirtschaftleistung zur Verbesserung der Infrastruktur zur Verfügung als im Jahr 1990.
2.3 Für eine gerechtere Einkommensverteilung
Die soziale Spaltung in Deutschland hat dramatisch zugenommen. Über die letzten Jahrzehnte hinweg wurden die Reichen reicher und die Armen ärmer. Das gilt zuerst für die Einkommen aus Arbeit, deren Verteilung sich erheblich auseinander entwickelt hat. Noch extremer ist die soziale Unwucht bei den Vermögen: Zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland verfügen über zwei Drittel des Vermögens, dagegen verfügen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung nur über einen Anteil am Gesamtvermögen von
weniger als zehn Prozent.
Laut OECD hat sich in keinem Land Armut und soziale Ungleichheit so schnell ausgebreitet wie in Deutschland. Der Grund dafür war über lange Zeit der hohe Sockel von Arbeitslosigkeit sowie die asymmetrische und unterdurchschnittliche Lohnentwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Trotz der positiven Entwicklungen am Arbeitsmarkt in den letzen Jahren, bleibt Deutschland eines der OECD-Länder mit dem höchsten Anstieg der Lohnungleichheit. Die Ursache sind vor allem fehlende Bildungsabschlüsse und
geringe Qualifikationsgrade. Noch immer gilt: Besser Qualifizierte erhalten besser bezahlte Jobs, deren Vergütung in den letzten 20 Jahren auch überdurchschnittlich angestiegen ist. Vor allem bei den Top-Verdienern hat es (?) überproportionale Gehaltszuwächse gegeben. Auf der anderen Seite der Einkommensskala sind insbesondere alleinstehende Geringverdiener und Alleinerziehende vor allem durch Sozialabgaben belastet. Dem gegenüber werden wiederum Vermögen in Deutschland äußerst gering besteuert
? die Vermögensbesteuerung beträgt hier 0,9 Prozent des BIP, im OECD-Durchschnitt sind es 1,9 Prozent. Das gilt auch für die Vererbung großer Vermögen. Diese Entwicklung begreift die SPD als eine ernste Herausforderung für Politik und Gesellschaft.
Wir sagen es ganz deutlich: Deutschland bleibt bei sozialer Gerechtigkeit und fairer Lastenverteilung innerhalb der Gesellschaft unter seinen Möglichkeiten. Wir wollen das ändern.
3. Fortschritt für alle: Vollbeschäftigung und Lebensqualität durch nachhaltiges Wachstum
Die ab Sommer 2009 eingetretene wirtschaftliche Erholungsphase ist ein Beleg für die Wirksamkeit weltweiter konjunkturpolitischer Maßnahmen.
Doch einige konjunkturelle und strukturelle Risiken bleiben: Die Exportmärkte in Europa und den USA kränkeln, aber auch die Dynamik der asiatischen Märkte, insbesondere in China, ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Nach einem sehr dynamischen Wachstum prognostiziert nicht nur die OECD eine Abkühlung der Konjunktur und Wachstumsaussichten in Europa und anderen Weltregionen. Nach einer raschen Erholung nach der Krise wächst der Welthandel seit einem halben Jahr nicht mehr. Die Aktienkurse sind
nach wie vor dauerhaften Turbulenzen ausgesetzt. Die Rohstoffpreise stagnieren auf einem hohen Niveau nach einem raschen Preisanstieg in den Jahren 2009 und 2010.
Um diesen Risiken zu begegnen, braucht Deutschland kurzfristige antizyklische Maßnahmen sowie mittel- und langfristig eine aktive Wirtschafts- und Strukturpolitik für Vollbeschäftigung und stabiles Wachstum. Zu den kurzfristig notwendigen Maßnahmen gehört nach unserer Auffassung auch, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert, eine erneute Verlängerung des Kurzarbeitergeldes. Die Realwirtschaft in Deutschland ist zwar verhältnismäßig robust, gleichzeitig durch ihre starke
internationale Verflechtung aber auch besonders anfällig.
Mittel- und Langfristig muss die Abhängigkeit von den Risiken und Schwankungen des Weltmarkts (?) abgelöst werden durch eine neue Balance zwischen wettbewerbsgetriebenem Export und einer lohn- und investitionsgetriebenen Stärkung der Binnennachfrage.
Der Staat muss dafür die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen und die notwendige Finanzierung sicherstellen. In diesem Antrag legen wir unsere Ziele dar ? und sagen, wie wir sie finanzieren wollen.
Sozialdemokratische Wirtschaftspolitik folgt dabei einigen grundlegenden Prinzipien, durch die wir uns von den Marktradikalen und Konservativen unterscheiden:
? Der Mensch steht im Mittelpunkt. Er ist nicht lediglich "Humankapital" zur Erzielung größtmöglicher Renditen.
? Wir sind davon überzeugt, dass der Erfolg des deutschen Wirtschafts- und Sozialmodells auf der Sozialpartnerschaft und der Mitbestimmung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beruht. Dieses Modell wollen wir stärken und ausbauen.
? Eine starke industrielle Basis und ein starker, in der Realwirtschaft verankerter Dienstleistungssektor ist die Basis unseres Wirtschaftsmodells und damit unseres Wohlstandes. Wir wollen Investitionen in diese realwirtschaftliche Basis stärken.
? Gute Arbeit steht für uns im Mittelpunkt. Gerechte Löhne können dazu beitragen, eine notwendige Stärkung der Binnennachfrage zu bewirken.
3.1 Qualitatives Wachstum
Soziale Spaltung, ökologischer Raubbau und Finanzspekulationen ohne realen Wohlstandszuwachs haben zum Vertrauensverlust in unser Wirtschaftsmodell geführt. Wir brauchen ein neues Modell von Wohlstand und Lebensqualität. Unser Ziel ist "qualitatives Wachstum" und ein neuer Begriff von Fortschritt. Dazu gehören mehr Gerechtigkeit bei der Einkommensverteilung, mehr Effizienz bei der Nutzung von Energie und Ressourcen und ein Vorrang für nachhaltig wirkende Investitionen. Nicht nur in Deutschland gibt
es eine Debatte darüber, ob die einseitige Orientierung auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausreicht, um Wohlstand, Lebensqualität und gesellschaftlichen Fortschritt zu messen. Unser Ziel ist es, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator zu entwickeln.
3.2 Förderung von Investitionen und Innovationen
Deutschland muss in seine Zukunft investieren, um seine Vorreiterrolle im Bereich der Innovations- und Fertigungsprozesse in zentralen Märkten wie Automobile, Maschinenbau und Chemie zu sichern. Der globale Wettbewerbsdruck auf den klassischen Industriemärkten ist beträchtlich und nimmt weiter zu.
In Deutschland herrscht ein Investitions- und damit Innovationsstau. Die Nettoinvestitionsquote in Deutschland ist mit unter vier Prozent auf einem historisch niedrigen Stand und geringer als in fast allen anderen Industriestaaten. Wir brauchen einen Investitionsaufschwung. Dafür brauchen wir eine Wirtschaftspolitik, die Investitionen konsequent fördert.
Damit Deutschland den europäischen Durchschnitt der letzten Jahre erreicht, müssten die öffentlichen Investitionen deutlich ausgeweitet werden. Auch die privaten Investitionen waren in Deutschland im letzten Jahrzehnt zu niedrig. Trotz zahlreicher Steuersenkungen für Unternehmen und trotz der maßvollen Lohnanhebungen, die zu einer spürbaren Umverteilung zugunsten der Gewinneinkommen führte, ist die Investitionsquote nicht höher als in früheren Jahrzehnten.
Notwendig sind Anreize für realwirtschaftliche, bildungspolitische und infrastrukturelle Investitionen im Inland. In den vergangenen zehn Jahren sind zwei Drittel der deutschen Ersparnisse ins Ausland geflossen. Nur ein Drittel ist hierzulande in Fabriken, Maschinen, Schulen oder Straßen investiert worden. Dieses Potenzial müssen wir stärker für Zukunftsinvestitionen in Deutschland nutzen. Dafür sind nicht nur mehr Investitionen in Deutschland, sondern auch eine koordinierte europäische
Investitionspolitik nötig, etwa im Bereich der GreenTech und der Ressourceneffizienz.
Wir schaffen gezielte steuerliche Anreize für Investitionen, einschließlich einer steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ? und stellen dafür die notwendigen Mittel zur Verfügung. Besonders erwünschte Investitionen müssen steuerlich gefördert, mit verbesserten Abschreibemöglichkeiten (degressive AfA) oder mit einer Investitionszulage bedacht werden können. Die Förderung muss auf Investitionen zielen, die über den Durchschnitt der
jeweils vergangenen fünf Jahre hinausgehen. Zugleich sollte in regelmäßigen zeitlichen Abständen evaluiert werden, ob man die Ziele, die mit dieser Investitionsförderung angestrebt werden, auch tatsächlich erreicht.
Ferner müssen wir auch privates Kapital zur Förderung von "Start-Up"-Unternehmen mobilisieren. Wir müssen dazu gezielt die steuerlichen Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen in Deutschland überprüfen und verbessern. Sinnvoll ist der Vorschlag für einen Public-Equity-Fonds, den die IG Metall bereits 2010 gemacht hat. Denn die Eigenkapitaldecke vieler mittelständischer Unternehmen ist extrem dünn und die Firmen brauchen neues Kapital. "Public Equity" ist "geduldiges Kapital" von
der öffentlichen Hand, das zudem keine unrealistischen Renditeforderungen erhebt. Die öffentliche Hand muss bereit sein, sich zeitlich befristet an Unternehmen zu beteiligen, nicht direkt, sondern über einen Beteiligungsfonds.
Dabei kommt den Kommunen eine zentrale Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes zu: 60 Prozent der Infrastrukturinvestitionen werden von den Kommunen getätigt. Die Einschränkung der kommunalen Handlungsfähigkeit durch dauerhafte Unterfinanzierung hat deswegen auch erhebliche Folgen für die Investitionstätigkeit. Die Verbesserung der Kommunalfinanzen ist deswegen das beste Konjunkturpaket.
Für die hier genannten Investitionen zur Umsetzung der Energiewende, die Förderung von Investitionen und Mittel zur Forschungsförderung stellen wir 3 Mrd. Euro/Jahr mehr als die Bundesregierung zur Verfügung.
Mit dem Pakt für Forschung und Innovation wurde durch die SPD die Grundlage für eine nachhaltige Stärkung der außeruniversitären Forschung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gelegt. Der Pakt verbessert die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft und gute Forschung und stärkt so den Innovationsstandort Deutschland.
Wir streben die Kontinuität der guten Förderung im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation über das Jahr 2015 hinaus an.
3.3 Bildung: Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum und individuelle Erfüllung
Bildung ist die zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Aufstiegschancen. Bildung ist Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands. Die "Bildungsrendite" ist weitaus höher, als alle anderen Investitionen. Wir wollen das sozialdemokratische Versprechen vom "Aufstieg durch Bildung" erneuern und dafür sorgen, dass Leistung und Anstrengung sich für junge Menschen wieder lohnen. (?)Unsere Überzeugung bleibt: Soziale Herkunft darf nicht über den
Bildungserfolg entscheiden. Das ist ein Gebot ökonomischer Vernunft und sozialer Gerechtigkeit gleichermaßen.
Der flächendeckende Auf- und Ausbau einer öffentlichen, qualitativ hochwertigen Bildungsinfrastruktur für alle ist ein Kraftakt, den Bund, Länder und Gemeinden nur gemeinsam stemmen können. Wir sind davon überzeugt, dass dieser Kraftakt dennoch notwendig und überfällig ist, weil es nur so gelingen kann, Deutschland wieder zum Bildungsland Nummer 1 in der Welt zu machen. Unser zentrales bildungspolitisches Projekt der nächsten Jahre wird deshalb der flächendeckende Ausbau von Ganztagsangeboten in
Kitas und Schulen sein. Dabei darf es nicht nur um Investitionen in Beton gehen. Kitas und Schulen müssen mit ausreichend gut qualifiziertem Personal ausgestattet werden, um Ganztagsangebote auf einem qualitativ hohen Niveau bereitstellen zu können. Dadurch wird die individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen erst ermöglicht. In diesem Zusammenhang braucht Deutschland auch ein Programm "Die zweite Chance": Rund 1,5 Mio. junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sind ohne jeden
Berufsabschluss. 400.000 Jugendliche befinden sich in nichtqualifizierenden Maßnahmen des Übergangs zwischen Schulen und beruflicher Bildung. Mehr als 58.000 Schülerinnen und Schüler verlassen Jahr für Jahr das Schulsystem ohne jeden Abschluss. Gleichzeitig wächst der Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft.
Durch eine Reform des Übergangssystems und eine Berufsausbildungsgarantie wollen wir dafür sorgen, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen vollqualifizierenden Berufsabschluss erhalten. Das Erfolgsmodell der dualen Ausbildung wollen wir stärken und verbreitern, um nicht so viele Talente wie bisher ungenutzt zu lassen.
Deshalb wollen wir auch den massiven Ausbau der Studienplätze an deutschen Hochschulen weiter vorantreiben. Der Hochschulpakt von Bund und Ländern, den Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten maßgeblich durchgesetzt haben, ist ein Erfolgsmodell. Wir wollen dieses Bund-Länder-Programm fortsetzen und ausbauen. In den nächsten Jahren sollte verstärkt der Ausbau von Master-Studienplätzen gefördert werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um allen Bachelor-Absolventen, die ein Master-Studium
aufnehmen wollen, einen Studienplatz anbieten zu können.
Wir wollen, dass niemand aus finanziellen Gründen auf ein Studium verzichtet. Deshalb setzen wir nicht nur konsequent auf die Gebührenfreiheit des Studiums, sondern auch auf den weiteren Ausbau des BAföG. Eine verlässliche und auf Rechtsansprüchen basierende Studienfinanzierung ist die einzig wirksame Garantie dafür, dass Interesse am Studienfach und der Ehrgeiz zu einem möglichst hohen Bildungsabschluss für die Aufnahme eines Studiums entscheidend sind und nicht der Geldbeutel der Eltern.
Nicht zuletzt muss der Weiterbildung endlich der Stellenwert zukommen, den sie verdient. Eine Gesellschaft, die so viele ungenutzte Potenziale hat wie die unsere ? sei es bei Älteren, bei Geringqualifizierten, bei Migrantinnen und Migranten oder sei es bei Frauen, denen an zahlreichen Stellen Hürden in den Weg gestellt werden, wenn sie beispielsweise nach der Familienphase zurück ins Berufsleben wollen ? eine solche Gesellschaft kann auf ein hochwertiges und flächendeckendes Angebot an
Weiterbildungsmaßnahmen nicht verzichten.
Dafür sind große finanzielle Kraftanstrengungen notwendig, das wissen wir. Wir werden 20 Mrd. Euro durch Bund und Länder zur Umsetzung der genannten Projekte mobilisieren ? die Mittel dafür stehen im Rahmen unseres Finanzierungskonzeptes bereit.
3.4 Realwirtschaft stärken, Finanzkapitalismus regulieren
Maßlose Spekulationen, völlig unkontrollierte Akteure und nicht regulierte Produkte und Märkte haben zu einer Schwächung der Realwirtschaft geführt. Das Vertrauen der Menschen in die Marktwirtschaft ist erschüttert und muss zurückgewonnen werden. Dies geht nur durch mehr Koordinierung auf europäischer und internationaler Ebene und neue stabilisierende Maßnahmen auf nationaler Ebene.
Von zentraler Bedeutung ist es, endlich dem Haftungsprinzip auch auf den Finanzmärkten Geltung zu verschaffen. Haftung und Risiko gehören in einer Marktwirtschaft zusammen. Das bedeutet zweierlei: Zum einen müssen die Interdependenzen im Finanzsektor durch nach Größe differenzierten Zielvorgaben für die Aufsichtsbehörden bei der Regulierung von Banken reduziert werden. Und zum zweiten müssen die Finanzmarktakteure an den Lasten der Krisenbewältigung beteiligt werden.
Angesichts der aktuellen Finanzmarktkrise ist auch eine Diskussion über die Aufgaben und Risikoabsicherung von Banken notwendig. Dabei müssen wir klären, ob das Modell der Universalbanken verändert werden muss. Dazu wird vom SPD Parteivorstand eine Projektgruppe eingerichtet.
Wir haben die Anforderungen schon oft benannt:
Dazu gehört eine schärfere Regulierung und ein teilweises Verbot hochspekulativer Produkte auch durch Einführung von Clearingstellen, eine effektivere Aufsicht über Rating-Agenturen einschließlich des Aufbaus einer europäischen Ratingagentur sowie eine Finanztransaktionssteuer mindestens im Euroraum, um übertriebe und sozial schädliche Kurzfristspekulation zurückzudrängen. Wir benötigen höhere Eigenkapitalanforderungen, an langfristigen Zielen orientierte Anreizsysteme, eine schlagkräftige
gemeinsame Banken-, Versicherungs-, und Wertpapieraufsicht in der EU und einen Finanz-TÜV. Die neuen Eigenkapitalregeln (Basel-III) müssen so umgesetzt werden, dass einerseits effektive Kapitalpuffer aufgebaut werden, andererseits den Besonderheiten der jeweiligen Institute Rechnung getragen wird.
3.5 Wir brauchen eine moderne Industrie- und Strukturpolitik
Der industrielle Sektor mit einem starken Mittelstand bildet in Deutschland das Fundament für Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Gerade in der Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich gezeigt: Deutschland ist aufgrund seines starken industriellen Kerns (?) gut durch die Krise gekommen.
Die industrielle Produktion ist nach wie vor eine der tragenden Säulen unseres Wachstums und macht noch rund 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes unseres Landes aus - ein weitaus größerer Teil als in vergleichbaren Volkswirtschaften. An der industriellen (?) Produktion hängt demnach vieles von dem, was den Wohlstand unseres Landes ausmacht: die Exportwirtschaft mit ihren großen Beschäftigungseffekten, öffentliche Einnahmen zur Finanzierung staatlicher Aufgaben und des öffentlichen Dienstes,
Forschung und Entwicklung und eine Vielzahl von Dienstleistungen. Und nicht zuletzt: die Stärke traditioneller Industriezweige wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Stahl, Automobilbau und Chemie ist Voraussetzung für den Erfolg "grüner" Anwendungstechnologien in Deutschland.
Die deutsche Industrie steht vor grundlegenden Herausforderungen: Globalsierung, Umwelt- und Klimaschutz, Rohstoffverknappung, technologischer Wandel und demografische Entwicklung. Es geht darum, die Chancen des industriellen Strukturwandels für die deutsche Industrie nutzbar zu machen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat in einzelnen industriellen Bereichen erhebliche Strukturprobleme offengelegt, die auch Ansatzpunkte für eine Modernisierung sein müssen. Der Strukturwandel ist mittels einer modernen
Industriepolitik aktiv zu begleiten.
Unternehmen können zu Recht von der Politik langfristige Planungssicherheit und Verlässlichkeit als Grundlage für ihre Investitionsentscheidung erwarten. Dazu gehört eine verlässliche Energiepolitik zu wettbewerbsfähigen Preisen. Unvorhersehbare politische Kehrtwendungen schaden Industrie, produzierenden Betrieben und dem Standort Deutschland insgesamt.
Die Energiewende darf und muss nicht zur Deindustrialisierung führen, sondern kann zu einem neuen Erfolgskapitel in der Industriegeschichte unseres Landes werden. Dazu bedarf es jedoch einer aktiven Strukturpolitik. Über die internationale Konkurrenzfähigkeit der Produktion entscheiden künftig in geringerem Maße die Arbeitskosten, viel stärker jedoch die Kosten für Energie, Rohstoffe und Materialien. Investitionen in Effizienz sind eine herausragende Aufgabe. Die Industrie braucht tragfähige
Strompreise. Deshalb wollen wir ein "industriepolitisches Monitoring" der Preisentwicklung, mit der Option, gefährdete Industrie gezielt zu entlasten. Über ein Investitionsprogramm Energieeinsparung wollen wir die Unternehmen in die Lage versetzen, ihre Energieproduktivität erheblich zu steigern.
Sozialdemokratische Strukturpolitik setzt sich nicht nur für industrielle Forschung und Entwicklung und "High-End-Produkte", sondern ebenso für den Erhalt der Produktion und der gesamten industriellen und gewerblichen Wertschöpfungskette am Standort Deutschland ein. Die Voraussetzungen dafür sind ausreichend qualifizierte Fachkräfte und Investitionen in den Bildungsstandort Deutschland eine nachhaltige Unternehmensfinanzierung und eine Modernisierung von Energie-, Verkehrs- und
Kommunikationsinfrastruktur. Dabei haben wir insbesondere auch die kleinen und mittleren Unternehmen im Blick.
Für den dringend benötigten Infrastrukturausbau brauchen wir in Deutschland einen neuen gesellschaftlichen Konsens, der die Bedeutung der Industrie berücksichtigt und eine neue Akzeptanz schafft. Gemeinsam müssen Gesellschaft, Unternehmen und Politik diesen Prozess umsetzen bzw. fortentwickeln. Wir arbeiten an einem Infrastrukturkonsens für die Zukunft des Industriestandortes Deutschland.
Zu einer aktiven Wirtschaftpolitik, die den Strukturwandel begleitet, gehört auch eine moderne Politik für Dienstleistungen. Da die Wertschöpfung zunehmend im Zusammenspiel zwischen Industrie und Dienstleistungen stattfindet, ist die Differenzierung zwischen beiden Sektoren immer weniger sinnvoll. Deutschland braucht eine Dienstleistungspolitik, die ? analog zur Industriepolitik ? mit Mitteln der Regional-, Struktur-, Forschungs- und Innovationspolitik Dienstleistungen und
Dienstleistungsbeschäftigung von hoher Qualität fördert. Sozialdemokratische Dienstleistungspolitik muss auf die Qualität der Dienstleistung ebenso wie auf die guten Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten ausgerichtet sein.
3.6 Wirtschaftlicher Erfolg bedeutet mehr Wirtschaftsdemokratie
Wir brauchen ein neues Verständnis von wirtschaftlichem Fortschritt, dessen Kern aus mehr demokratischer Teilhabe am Wirtschaftsleben besteht. Die Menschen nutzen den Markt nicht nur, sie treffen mit ihrer Produktauswahl - ob bewusst oder unbewusst - auch Werte-Entscheidungen für sich und für die Gesellschaft. Verbraucherinnen und Verbraucher sind auch Bürger, die sich an der Ausrichtung der Wirtschaft beteiligen wollen. Das Verhältnis von Planungsprozessen, marktwirtschaftlicher
Wettbewerbsfähigkeit, kollektiver Verantwortung in der Wirtschaft und die Möglichkeit zur Einmischung einerseits und der Wahrung von individueller und unternehmerischer Freiheit andererseits müssen beständig neu austariert werden. Neue Partizipationsformen in Wirtschaft und Arbeitsform müssen entwickelt werden.
Eine Revitalisierung von Genossenschaftsmodellen und eine Stärkung der Mitarbeiterbeteiligung an den Geschäftsergebnissen erhöht die Verantwortung gegenüber dem Produktionsprozess: Transparente und partizipative Entscheidungsstrukturen erhöhen die Identifikation mit dem Unternehmen und können viele Formen der Betriebsblindheit, wie sie die Wirtschaftskrise aufgedeckt hat, verhindern helfen.
Gerade jetzt müssen wir einen neuen Anlauf zur Mitarbeiterbeteiligung am Produktivkapital wagen.
Im Bereich der Unternehmensmitbestimmung muss ein gesetzlicher Mindestkatalog im Aufsichtsrat zustimmungsbedürftiger Geschäfte festgelegt werden; durch eine Änderung des Aktienrechts sollen Verstände auch auf das Wohl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und der Allgemeinheit verpflichtet werden.
Betriebsratswahlen, Betriebsratsarbeit und die Arbeit der Gewerkschaften sichern. Die Behinderung der Arbeit von Interessensvertretern der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist weit verbreitet. Viele haben Angst, durch eine Tätigkeit als Interessenvertreter für ihre Kolleginnen und Kollegen Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, entwürdigt oder mit Kündigung bedroht werden. Viele erleiden durch den Druck gesundheitliche Schäden oder sie lehnen so eine Arbeit für andere aus Sorge vor Repressalien ab.
Hier besteht Handlungsbedarf!
Eine Ausweitung der Mitbestimmungsmöglichkeiten ist ein Ausdruck demokratischer Souveränität. Sie dient der Rückbindung wirtschaftlichen Handelns an Gemeinwohlinteressen. Die paritätische Mitbestimmung sollte bereits in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten greifen. Die Umgehung der Mitbestimmung durch Rechtsformwahl oder Auslandsgesellschaften mit Verwaltungssitz in Deutschland muss beendet werden.
4. Ein nationaler Pakt für Bildung und Entschuldung ? Investitionen für zukunftsfähige Kommunen und eine gute Infrastruktur
Mit unserer Finanzpolitik schaffen wir die Grundlage für nachhaltiges Wachstum und Gerechtigkeit. Sozialdemokratische Steuer- und Finanzpolitik ist Gesellschaftspolitik. Dabei gibt es klare Prioritäten, die den aufgezeigten wirtschaftspolitischen Zielen folgen: