Freibrief fuer Fischerei

Firma: RatGeberZentrale GmbH
kts by pressekat.de - 12.12.2011 08:29 - (pur). Auf Initiative der Landesregierung Schleswig-Holsteins wurde auf der Herbst-Agrarministerkonferenz der Laender und des Bundes am 28. Oktober beschlossen, dass in den nach EU-Recht geschuetzten Natura 2000-Gebieten der Ausschliesslichen Wirtschaftszone (AWZ) Deutschlands die Fischerei nur dann eingeschraenkt werden solle, wenn diese einen erheblichen negativen Einfluss auf den Erhaltungszustand relevanter Habitate, Lebensraeume und Arten hat. Die Naturschutzverbaende NABU, Gesellschaft zur Rettung der Delphine GRD und Gesellschaft zum Schutz der Meeressaeugetiere GSM kritisieren diesen Vorstoss als ungerechtfertigten, verfruehten Freibrief fuer die Fischerei.

Nach Auffassung der Verbaende laesst sich die Nicht-Erheblichkeit von fischereilichen Eingriffen in den Natura 2000 Gebieten der Nord- und Ostsee nach der heutigen Datenlage kaum belegen. Es solle aber offensichtlich durch den jetzigen Beschluss der heutige Zustand festgeschrieben werden, statt Anreize zur Verwendung von alternativen Fischereimethoden in Schutzgebieten zu geben. In der Ostsee verenden nach wissenschaftlichen Schaetzungen jedes Jahr ueber 100.000 Seevoegel in Fischereinetzen. Aus Totfunderhebungen bei Schweinswalen wird deutlich, dass allein in der deutschen Ostsee jedes Jahr mindestens 70 Schweinswale als unerwuenschter Beifang in Grundstellnetzen sterben.

Die betroffenen Natura 2000-Schutzgebiete nach der Fauna-Flora-Habitat- und Vogelschutzrichtlinie wurden bereits 2007 von der Europaeischen Kommission anerkannt und dienen explizit dem Schutz bedrohter Arten wie Schweinswal, Stern- und Prachttaucher oder Eisente, allesamt durch den ungewollten Beifang oder die negative Auswirkungen der Fischerei auf ihren Lebensraum beeintraechtigt. Den Vorschlag des von Thuenen-Instituts (vTI), zum Schutz der Schweinswale Stellnetze mit Pingern auszustatten, lehnen die drei Naturschutzverbaende dabei vehement ab. "Ein aktives Vertreiben von Schweinswalen aus den fuer sie eingerichteten Schutzgebieten unter Laermeinsatz konterkariert hier die Ziele des europaeischen Umweltrechts", so Ingo Ludwichowski, NABU Landesgeschaeftsfuehrer in Schleswig-Holstein.
Bereits heute gibt es Fischfangmethoden, die weder Seevoegel noch Schweinswale gefaehrden muessen. NABU, GSM und GRD haben in ihrer Studie "Strategien zur Vermeidung von Beifang von Seevoegeln und Meeressaeugetieren in der Ostseefischerei" entsprechende Vorschlaege erarbeitet. In der Ostsee stellen bekoederte Fischfallen, Jiggermaschinen oder Langleinen eine umweltvertraegliche Alternative zur Grundstellnetzfischerei dar. Die Relevanz dieser Studie wird auch vom internationalen Kleinwalabkommen ASCOBANS anerkannt.
Gegen die Forderung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse einzubeziehen, sei generell nichts einzuwenden. Jedoch muessten die Laender dann auch entsprechende Forschungsmittel und -kapazitaeten zur Verfuegung stellen, um die Situation bewerten zu koennen. Derzeit wird nur ein Bruchteil der Schweinswal-Beifaenge gemeldet, wie die hohe Zahl an Totfunden an Schleswig-Holsteins Kuesten vermuten lasse. Eine Zuordnung der Strandfunde mit "Netzmarken" zur Fischerei in oder ausserhalb von Schutzgebieten sei ueberhaupt nicht moeglich. Auch Vogelbeifang wuerde von den Behoerden nicht systematisch erfasst. Unabhaengige Beobachter an Bord der kleinen Kutter in der Kuestenfischerei seien nicht vorgesehen und gegen eine Kameraueberwachung gibt es massive Vorbehalte.
Weiterhin fehlen Angaben zu Zeit und Haeufigkeit der fischereilichen Nutzung innerhalb wie ausserhalb von FFH- und Vogelschutzgebieten sowie Angaben zu Art und Menge der dabei verwendeten Fischereigeraete, wie Nachfragen des NABU im Ministerium ergaben. "Ohne Daten gibt es damit kein Problem und somit keinen Handlungsbedarf in den Fischereibehoerden", bringt Ingo Ludwichowski diesen Missstand auf den Punkt. "Aus unseren persoenlichen Erfahrungen mit einigen schleswig-holsteinischen Fischern wissen wir, dass sie sehr bemueht sind, Beifaenge von Enten und Walen zu vermeiden." Warum aber werden dann Beifaenge einfach ueber Bord geworfen, statt sie zu melden? Mit Transparenz und gegenseitigem Vertrauen waere es moeglich, gemeinsam nachhaltige Fischereiformen fuer Naturschutzgebiete weiter zu entwickeln, die dem Anspruch von Fischern, dem Ministerium und Naturschuetzern gerecht werden.

PDF-Download der Studie "Strategien zur Vermeidung von Beifang von Seevoegeln und Meeressaeugetieren in der Ostseefischerei" unter www.delphinschutz.org/dokus/hintergrundbericht_beifang.pdf
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